Volker Nienhaus
27 Seiten · 4,94 EUR
(September 2004)
Aus der Einleitung:
Die 57 Mitgliedstaaten der Organization of the Islamic Conference (OIC) werden in den offiziellen Statistiken der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) durchweg als Entwicklungsländer klassifiziert; dazu zählen auch ölreiche Staaten mit hohem Pro-Kopf-Einkommen wie Kuwait oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Daraus wird oft die Vermutung abgeleitet, dass der Islam ein entscheidender Faktor zur Erklärung der Unterentwicklung sei. Es ist in der Tat kaum zu leugnen, dass man in vielen islamischen Ländern auf Strukturen, Einstellungen und Verhaltensweisen trifft, die entwicklungshem¬mend wirken und u.a. mit Schlagworten wie Fatalismus und Fanatismus zu charakterisieren sind. Engagierte Muslime bestreiten aber energisch, dass der Islam für solche entwicklungshemmenden Phänomene verantwortlich gemacht werden kann und betonen im Gegenteil die progressive und auf Fortschritt gerichtete Ideologie des Islam.
Wären „dem Islam“ entwicklungshemmende Charakteristika und „den Muslimen“ eine entwicklungsfeindliche Mentalität zuzuschreiben, hätte dies äußerst problematische Konsequenzen für die wirtschaftlichen und vor allem für die politischen Beziehungen zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Der ‚Zusammenprall der Kulturen‘ wäre unvermeidlich, und er würde sich an den Grenzen Europas, auf dem Balkan und im Mittelmeerraum abspielen. Umgekehrt wären aber auch entwicklungsfördernde Charakteristika einer konsequent umgesetzten islamischen Lehre von großer ökonomischer und politischer Bedeutung.
Der erste Teil dieses Beitrags fasst daher Argumente zusammen, die den Entwicklungsrückstand vieler islamischer Länder ohne Bezug auf „den Islam“ erklären können. Regional ist die Betrachtung auf die arabische Welt konzentriert; dies ist insofern eine plausible Vereinfachung, da zum einen die arabischen Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas das Ursprungs- und Kerngebiet des Islam bilden. Zum anderen ist angesichts der wirtschaftlichen Dynamik in asiatischen Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit (insbes. Malaysia, Indonesien) die These vom ‚Entwicklungshemmnis Islam‘ für diesen Teil der Welt ohnehin sehr fragwürdig (auch wenn man zugesteht, dass vor allem nicht-muslimi¬sche Chinesen der Wirtschaftsentwicklung entscheidende Impulse geben). Im zweiten Teil dieses Beitrags werden dann die Grundzüge islamischer Wirtschaftskonzepte skizziert, und es wird die Frage diskutiert, ob die Umsetzung dieser Konzepte (insbes. in der Finanzwirtschaft) einer Dynamisierung der Wirtschaft förderlich oder eher hinderlich sein würde.